Eine Geschichte des Sehens.

 

Ich habe Erinnerungen an einen Augenarzt Termin als Kind, es ging wohl darum, dass ich eine Brille bekommen sollte. Brillen waren uncool. Ich fand den Arztbesuch sehr doof. Das Wartezimmer war dunkel und meine Mutter bei mir. Etwas wurde in meine Augen getropft, es brannte und ich fühlte mich fast schon blind. Ich bekam keine Brille. Volksschule und Hauptschule gingen vorüber ich war nie die Uncoole mit der Brille, maximal uncool. Und dann in der Höheren Schule saß ich mit den Coolen in der letzten Klassenreihe, war aber immer die Letzte beim Abschreiben der Overhead Folie. Wenn der Professor schon die nächste Folie auflegen wollte, schrie ich immer von hinten nach vorne: „Noch nicht! Noch einen Moment!“ Overhead Folien bedeuteten Stress für mich. Es gab kein Drumherum mehr, nach 10 Jahren Kampf fürs Cool-sein, musste ich mir eine Brille zulegen, wollte ich in dieser Schule die Matura machen. Ich glaube es war im darauffolgenden Schuljahr, da war ich am ersten Schultag einer der Letzten, die in die Klasse kam und bekam nur mehr einen Platz in der ersten Reihe. Ihr wisst schon: ERSTE REIHE! Voll uncool. 

 

Mit Brille und von Jungs umzingelt sitzend, war das dritte Schuljahr meinem Aufstieg in die Liga der Klassenbesten gesichert. Mein BWL Professor konnte es gar nicht fassen, dass er mir auf die ganze Schularbeit nur einen einzigen Punkt abziehen konnte. Vor der ganzen Klasse hat er mich zur Rede gestellt und behauptet ich hätte wohl geschummelt, er weiß nur nicht wie das ging in der ersten Reihe. 

Als ich nach meiner Maturareise endlich auf Kontaktlinsen umstieg war das Leben besser, ich musst mich nicht ständig um die Brillengläser kümmern, die nach einem Wimpernschlag schon verschmiert waren. Bei jedem Augenarzt Termin wurde meine Dioptrienzahl höher. An den Satz: „Das kann sich auch wieder Bessern!“ habe ich nicht mehr geglaubt. Es war frustrierend, weil ich dann immer die Geschichte von den Menschen zu hören bekam, die Kontaktlinsen brauchen, um bis zur Brille und erst dann darüber hinweg schauen zu können. Augenoptiker Witze sind nicht so lustig. 

Einmal hab ich doch gedacht, es ist bei mir nun auch soweit. Ich meine, dass ich Kontaktlinsen bis zur Brille brauche. Ich saß auf meiner Terrasse in einer lauen Sommernacht. Nach ein paar Cocktails mit Kollegen in der Stadt, wollte ich noch eine rauchen und die kühlere Luft am Stadtrand geniessen. (Verstehe ich heute auch nicht mehr: rauchend die kühle Luft geniessen... .) Abgeschminkt und die sommertrockenen Kontaktlinsen schon gegen Brille gewechselt, sass ich im Dunkeln auf der Terrasse und sah wie sich da irgendwas beim Lavendel bewegt. Da dachte ich, ich seh' nicht richtig, das kann nicht sein. Ein weisser Hase!? oder zuviel Cocktails oder eben die Notwendigkeit von Linsen+Brillen? Es war ein weisser Hase, er kam dann regelmässig von der Nachbarin drei Terrassen weiter zu mir. Ich fand mich ganz cool, weil ein Hase ausreisst um bei mir was auszureissen. 

Den Satz „Es kann sich auch wieder Bessern!“ habe ich erst wieder in meine Gedanken aufgenommen, als meine Yin Yoga Lehrerin mir erzählte sie hätte mit Übungen zur Stimulierung des Leber Meridians ihr Sehvermögen so stark verbessert, dass sie Brillen nur noch in der Nacht beim Autofahren verwenden muss. 

Man will ja dran glauben, dass man etwas tun kann um den eigenen Körper zu heilen. Und als Yogalehrerin macht man auch ständig Erfahrungen, wo ein Heilen oder Bessern des Wohlbefindens durch (gezieltes) Praktizieren möglich wird. Mein Halux hat sich zum Beispiel nicht verschlimmert und sogar etwas verbessert, auch ohne spezielles Übungsprogramm, weil dieses etwas Tun mit einem bestimmten Ziel mir eigentlich nicht so liegt.  Es muss schon passieren, fließen und Freude machen. Es folgt im Grunde aus der eigenen Weisheit des Körpers, nur muss man ihn dazu sehen/erkennen und verstehen lernen. Bedingt durch mein Interesse am Yin Yoga bin ich schon länger mit der TCM und den Fünf Elementen in Verbindung. Durch das Bedürfnis mehr mit den Jahreszeiten und der Natur verbunden zu sein, habe ich mich auch immer weiter vertieft. Als ich mir dieses Jahr vornahm, das ganze Yogaprogramm auf TCM umzustellen wusste ich, dass damit nicht nur viel Recherche Arbeit und Kreativität verbunden war, sondern auch dass es ein spielerisches Entdecken und ein freudiges Ausprobieren wird. Langsam nach sechs intensiven Monaten sehe und begreife ich wie es positive Wirkung entfaltet. In den letzte 3 Monaten im Frühling haben wir uns mit dem Leber- und Gallenblasenmeridian, dem Sehen und Dehnen, Augenmassagen, Brustkorböffnungen etc. beschäftigt. Gestern wollte ich eine Blogbeitrag verfassen, es ging um das (verflixte) siebente Jahr, dass ich jetzt Yoga unterrichte. Es ging darum, dass ich das Gefühl habe, dass etwas passieren/sich verändern muss. Ich kam nicht so recht voran, denn diesem Gefühl, so sagte mein Hirn, dem wurde schon soviel entgegensetzt. Soviel hatte sich schon verändert durch die Umstände, durch mich, durch die Zeit, die jede Entwicklung braucht. Und doch war mein Gefühl nicht still. Ich schrieb und schrieb um der Sache auf den Grund zu gehen. Dann blickte ich auf die Uhr … ich war spät dran für meinen Augenarzt Termin. 

Schnell auf den Weg gemacht, mit lästiger Brille, die ich schon ein wenig verdammte, weil ich vermutete, die Gläser wurden nicht korrekt eingeschliffen. Ich habe sie kaum mehr getragen. Während der Lockdowns habe ich ganze Tage zu Hause ohne Kontaktlinse oder Brille verbracht ohne mich mit meinen 5 Dioptrien eingeschränkt zu fühlen. 

Es wurde mir wieder was Unangenehmes in die Augen getropft, weil die Augenärztin nicht fassen konnte, was mein Ergebnis beim Sehtest war. Ich fühlte mich ein wenig damals, als Kind im Wartezimmer des Augenarztes, das Angst hat eine Brille tragen zu müssen und als angebliche Schummlerin bei der BWL Prüfung. 

Heute schau ich mit klarem Blick auf meine neue Brillenverordnung. Unter 2 Dioptrien auf beiden Augen. Nicht nur der Beweis, dass es sich bessern kann, sondern auch der Beweis, dass mein TCM ausgerichtetes Yoga wirkt. 

 

Jetzt sinne ich nach und habe gerade nicht mehr das Gefühl etwas verändern zu MÜSSEN, obwohl ich genau weiß, dass sich viel verändern wird. 

 

 

 

 

 

Schließe deine Augen und

sieh.

 

James Joyce

 

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